Von Maria Gariani
Es ist Freitagmorgen 9.00 Uhr und ich mache mich auf den Weg nach Thalasso. Hinter mir liegen anstrengende drei Wochen, in denen ich zu wenig geschlafen, zu viel gearbeitet und nicht ausgewogen gegessen habe. Von Sport ganz zu schweigen. Etwas verspannt und schlapp suche ich meine sieben Sachen zusammen. Die noch müden Gedanken machen sich selbstständig und flattern vom letzten Meeting im Büro zum Gespräch mit meiner Mutter, schlagen einen Haken, beißen sich am unaufgeräumten Frühstückstisch fest und machen sich dann auf nach Thalasso. Was immer mich da erwartet, ich freue mich darauf. Besser als Arbeiten und Aufräumen ist es allemal. Noch fühle ich mich wie eine Salami.
Ein bisschen komisch finde ich es schon, dass meine Mutter mir einen Wellness-Tag schenkt. Ich schnappe mir noch schnell meine heißgeliebten salzigen Lakritz, werfe sie zusammen mit Lippenstift, Kamm und Portemonnaie in meine Handtasche, nehme meine Saunatasche huckepack und suche mein Auto. Parkplätze in Hamburg sind immer zu weit weg.
Thalasso, habe ich mir sagen lassen, muss nicht weit weg sein. Es liegt grundsätzlich am Meer. Das stimmt mich schon einmal sehr froh, denn es klingt nach Frische. Und das Thalasso meiner Mutter liegt an der Nordsee in Schleswig-Holstein. Genauer gesagt in Sankt Peter-Ording. Hier werde ich in dem Gesundheits- und Wellnesszentrum der Dünen-Therme hoffentlich so erfrischend aufgemöbelt, dass ich die nächsten sechs Wochen innerlich entspannt und äußerlich frisch überstehe. Dafür nehme ich auch den Schlick in Kauf. Wer schön sein will muss leiden und wer sich entspannen möchte, muss eben den Geruch des Watts ertragen.
Endlich durchatmen!
Als ich in Sankt Peter-Ording ankomme, riecht es tatsächlich. Nach was genau, weiß ich nicht. Nach Hamburg jedenfalls nicht. Und das finde ich großartig. Weil ich zu früh bin und es hasse zu warten, vertreibe ich mir die Zeit bis zu meinem Thalasso-Termin am Meer. Vielleicht kann ich mich schon abhärten gegen den Schlickgeruch.
Tja, und dann merke ich wieder, dass ich eben erst seit einem Jahr in Hamburg wohne und noch nie an der Nordsee war. Denn sonst hätte ich gewusst, dass die Nordsee duftet – nach Salz und echter Luft. Abhärtung – nicht nötig. Ich ziehe meine Ballerinas aus und laufe am Strand entlang, binde mir den Schal fester um den Hals und lasse meine Ohren einwehen, bis ich außer Wind nur noch meinen eignen Pulsschlag höre. Fast so, als hätte ich eine große Muschel am Ohr. Da merke ich, dass ich lebe – endlich mal wieder seit Wochen. Es gibt Hoffnung.
Bei all der Aufregung vergesse ich dann die Zeit. Im Dauerlauf stapfe ich die Treppen der Kurpromenade hoch, vorbei an gläsernen Wasserspielen, hole meine große Tasche aus dem Wagen und betrete ganz außer Atem das gläserne Atrium des Gesundheits- und Wellnesszentrums der Dünen-Therme: „Wo möchten Sie denn hin?“ – eine freundlich lächelnde Dame guckt mich fröhlich an. - „Ich habe einen Gutschein für einen Thalasso-Tag“, sage ich und merke, dass sie mich eingehend mustert. Schmunzelnd verharren ihre Augen an meinen sandigen Knöcheln. Ich habe Strand in den Schuhen. „Na, dann haben Sie ja Ihre erste Thalasso-Anwendung schon hinter sich.“ Das verstehe ich nicht und man sieht es mir wohl an. Die nette Dame am Empfang beginnt mit der Einführung und endlich erfahre ich, was es mit der Thalasso-Therapie auf sich hat. Das ist mehr als ich gedacht hatte.
Thalasso - Kraft aus dem Meer
Thalasso ist Therapie mit allem, was aus dem Meer kommt, ausgenommen Fische und anderes Getier. Aus allem anderen können die unterschiedlichsten Thalasso-Anwendungen entwickelt werden: Aus Meerwasser, Meersalz, Meeresluft, Meeressand, Meeresschlick, Meeresalgen und Muscheln aus dem Meer. Thalasso nutzt die Kraft des Meeres, die Wirkung von reinen Mineralien und lebenswichtigen Spurenelementen.
Ich habe also die Qual der Wahl und darf aussuchen, welches Thalasso am besten zu mir und seinen Bedürfnissen passt. Hätte ich entzündete Knie gehabt, wie meine Tante Gerda (altersbedingt) und meine Freundin Iris (zu viel Sport in zu kurzer Zeit), dann hätte ich mich am besten für eine Knie-Packung mit fossilem Schlick entschieden, der wohltuend kühl aufgetragen in ca. 20 Minuten einen Großteil der Entzündung aus dem schmerzenden Gelenk ziehen kann. Um einfach nur den Stoffwechsel anzuregen, könnte ich, Meerwasser mit hohem Salzgehalt trinken oder darin exklusiv und warm baden. Ich könnte meinen Bronchien etwas Gutes tun und Meerwasser inhalieren. Ich könnte auch eine Ganzkörper-Packung mit fossilem Schlick nehmen, um ordentlich zu entschlacken und endlich die Giftstoffe loswerden, die ich insbesondere in den letzten drei Wochen in mich hinein gestopft habe. Thalasso, so lerne ich, hilft beim Entschlacken, unterstützt die Abwehrkräfte, reinigt die Haut, vitalisiert, hilft bei chronischen Erkrankungen der Atemwege genauso wie bei Hauterkrankungen.
Mein persönlicher Verwöhn- & Behandlungsplan
Die Entscheidung fällt mir schwer. Dann erfahre ich, dass meine Mutter bereits alles für mich entschieden hat. Das war ja klar. Erstens passt es zu meiner Mutter und zweitens muss ja auch immer ein Behandlungsplatz für die gewählte Therapie frei sein. Ich bekomme meinen persönlichen Behandlungsplan ausgedruckt, ziehe mich in den geräumigen Umkleidekabinen um, verstaue alle Habseligkeiten im Schrank und mache mich, eingekuschelt in meinen Bademantel, auf in den großen Ruhebereich. Auf Liegen und Korbstühlen entspannen die Gäste zwischen den verschiedenen Anwendungen. Einige liegen drinnen, andere draußen. In windgeschützten Ecken und Innenhöfen, die alle mit Strandsand aufgeschüttet und mit Strandgras bepflanzt sind.
Ich wähle einen Korbsessel gleich neben dem Eingang zu den Thalasso –Anwendungen. Neben mir sitzt Frau Bauer. Sie hat Probleme mit ihren Beinen. Die schwellen ihr schnell an, besonders im Sommer. Das ist schmerzhaft. Ich verziehe mitfühlend das Gesicht: „Und was macht man da?“ - „ Ich komme seit Jahren regelmäßig her, und lasse mich eine Woche lang mit kalten Algenpackungen behandeln. Danach fühle ich mich sehr erleichtert und dann mag ich auch wieder längere Spaziergänge machen.“
Von Kopf bis Fuß auf Thalasso eingestellt
Ich werde aufgerufen und winke Frau Bauer noch kurz nach. Gespannt betrete ich den kleinen gekachelten Raum und staune über die schönen warmen Farbtöne, die mich umgeben. Vor mir befindet sich ein ockerfarben gekacheltes Podest. Handtücher und eine Folie liegen darauf ausgebreitet. Dort soll ich mich nackt darauf setzen und dann geht es los.
Mit einem übergroßen Handschuh trägt eine kleine Frau mit frischen roten Wangen fossilen Schlick ohne Kräuterzusätze in dicken Schichten auf meinen Rücken auf. Sie ist bereits seit 20 Jahren hier. Das freut mich. Denn dann weiß sie was sie tut. Ich rieche nichts und lerne wieder etwas dazu. Der Schlick riecht heute in Sankt Peter Ording nach nichts mehr, weil hier auf den Salzwiesen jenseits des Deichs ein Hektar fossiler Schlick gefunden wurde. Dieser besondere Schlick ist keinen Umwelteinflüssen mehr ausgesetzt. Deswegen ist er ideal für Duft-Muffel wie mich: Er riecht nach nichts. In der hauseigenen Aufbereitungsanlage wird er noch in klobigen Brocken angeliefert mit gereinigtem Nordseewasser versetzt und in großen Zentrifugen erwärmt und gerührt. Wenn der fossile Schlick für eine Behandlung frisch abgefüllt wird, sieht er aus wie graue Puddingcreme. Darauf ist man stolz in Sankt Peter. Verständlicherweise. Das kann nicht jeder.
Auf einmal sind meine Arme und Beine mit Thalasso-Schlick bedeckt und ich werde zugedeckt. Erst mit der dünnen Folie, die, wie ich höre, biologisch abbaubar ist und dann mit dem gebrauchten Schlick wieder auf einer so genannten abgebadeten Salzwiese landet. Anschließend mit einer schweren Plane, die die Thalassomasse fest an mich drückt. Mir wird warm. Ich fühle mich eingeengt, aber wohl. „Ich fahre Sie jetzt in ein 42 Grad warmes Wasserbad“, höre ich und kriege ganz kurz einen Schreck. Wasserbad? Ich kann mich ja nicht mehr bewegen, ich klebe im Schlick. Hoffentlich ist das Wasser nicht tief. Ich versichere mich bei der netten Frau, dass niemand kommen und mich wie in einem Moorbad eintauchen kann. Alles in Ordnung. Ich gewöhne mich an die „Verpackung“ und genieße die Wärme als Thalasso-Paket - meine erste Auszeit seit langem. Wenn ich meine Finger bewege, fühle ich, wie sich der Schlick festsaugt. Wenn ich mein Becken auf und ab bewege, fühle ich eine Welle durch das Wasser laufen. Ich denke an nichts. Nur an Schlick, an Wasser und an mich.
Viel zu schnell ist die Zeit vorbei. Ich habe ordentlich geschwitzt, fast wie nach einer Stunde Jogging. Statt mühevollen Trainings, habe ich einfach die Wärme genossen. Nach dem Duschen fühle ich mich rein und leicht. Ich könnte mir sogar vorstellen, am Strand eine Runde zu laufen. Meine Energie kommt zurück. Danke Mama.
Thalasso ist medical Wellness.
Am besten Sie gehen jetzt die Treppe hoch in den Wellnessbereich“, erklärt mir meine Thalasso-Therapeutin mit einem Blick auf meinen persönlichen Plan. Aber ich muss erst einmal wissen, wieso da oben noch ein Wellnessbereich ist. „Hier unten ist das Gesundheitszentrum. Hier gibt es vor allem die Anwendungen, die zum klassischen Kurbetrieb gehören, also die die heilen und helfen, gesund zu werden. Eben medizinische Anwendungen. Im oberen Bereich finden Sie Anwendungen, die entspannen und vorsorglich helfen, gesund zu bleiben. Neben Thalasso-Anwendungen sind das beispielsweise Massagen mit Aromaölen oder mit reinstem ayurvedischen Öl aus Indien. Die Grenzen zwischen Vorsorge und medizinischer Heilung sind in unserem Haus fließend.“
Ich laufe beschwingt die Treppe hoch und staune dann über den Ausblick. Raumhohe Fensterfronten bieten klare Sicht direkt auf den Ruhegarten, dahinter erkenne ich den flachen, langen Strand und sogar das blaue Meer. Es wird immer besser.
Zufrieden fläze mich auf einen der vielen Liegestühle und studiere meinen Terminplan genauer: Ich darf mich noch auf eine Aroma-Massage freuen und bekomme eine kosmetische Gesichtsbehandlung.
Rechts neben mir liegt ein Herr im Alter meiner Mutter. Vor mir liegt eine Frau, die nicht älter sein dürfte als 29. Beide machen den Eindruck, als wären sie schon öfter hier gewesen. Und ich habe richtig getippt: Die junge Frau heißt Martina, kommt aus Essen und kommt seit ihrer Kindheit regelmäßig hierher. Früher mit ihren Eltern, heute ohne. Sie liebt Meerespeeling im Serail. Ich bin sofort ein bisschen neidisch, als ich höre, was das ist.
Meerespeeling im Serail
Im Serail haben vier Personen Platz, zwei auf jeder Seite der quadratischen Dampfsauna. Man geht mit anderen Frauen gemeinsam oder mit seinem Partner in die Behandlung und dann bekommt jeder eine Einweisung vom Profi. Denn im Serail kann man sein Thalasso selbst machen. Herr Koch, der Masseur, stellt auf den breiten Armlehnen diverse Thalasso-Zutaten in hübschen kleinen Schalen zurecht und erklärt, was man mit dem Salz und der grauen Masse machen soll: Nämlich Einreiben.
Für das Gesicht gibt es noch feinen Kreideschlick, für alles andere nimmt man den einzigartigen, hauseigenen, nicht riechenden fossilen Schlick, den ich bereits kennen lernen durfte. Martina versichert: Es macht richtig Spaß. Es fühle sich alles so gut an, sagt sie. Sie schubbere einfach in gleichmäßigen Bewegungen immer wieder über Arme, Beine und Po und schon werde die Haut merklich zarter. So zart wie die samtige Haut von ihrer Nichte Emma. Die ist erst zwei. Dann nebelt einen die Dampfsauna ein und nach einer kurzen Ankündigung von Herrn Koch, regne es wie Tropenregen in dicken Tropfen von der Decke. Das Wasser spüle Schlick, Salz und sämtliche müden Gedanken einfach davon. Was der Tropenregen nicht schafft, duscht Martina dann im Anschluss ordentlich ab. „Danach fühle ich mich immer porentief rein und frisch“, sagt Martina mit großen auffordernden Augen.
Wir starren uns an. Dann gibt mir Herr Koch ein Zeichen: Meine Aroma-Massage beginnt. Ich lege mich auf eine Liege mit Loch für das Gesicht und die Nase. Bisher kannte ich das nur aus James Bond. Als er massiert wird und mit Gesicht nach unten auf der Liege liegend nicht merkt, dass die Masseure wechseln. Aber so etwas gibt es in Sankt Peter-Ording nicht. Und - Was soll ich dazu sagen? Es war wunderbar. Beine und Arme hat Herr Koch mit gezielten langen und schnellen Bewegungen einfach gelockert. Mein Nacken, so sagte er, hätte es wirklich nötig. Ich hätte an den Schultern so starke Verspannungen, da reiche eine Massage gar nicht aus. Aber ich bin schon froh über diese und bemühe mich, den ganzen Rücken einfach schlapp zu lassen, damit ich keine Gegenbewegungen mache. Die tun nämlich ein bisschen weh. Danach rieche ich wie eine Rose in Limette und kehre zurück auf meine Liege mit dem schönen Ausblick.
Bis zu meiner Gesichtsbehandlung bleiben mir 45 Minuten. Die verbringe ich bei Tee und Apfel mit einer Zeitschrift aus dem Korb neben dem Empfangstresen. Dann döse ich ein.
Kosmetik aus dem Meer
Als Martina mich weckt, wache ich aus einem tiefen Kurzschlaf auf und weiß gar nicht recht wo ich bin. Aber die Erinnerung kommt schnell zurück, auch die an den nächsten Termin. Mit 5 Minuten Verspätung komme ich im Beautybereich an. Man hat mich schon gesucht.
Ein bisschen Erfahrung mit Kosmetikbehandlungen habe ich ja schon. Üblicherweise habe ich aber nicht die Wahl, mit welcher Pflegelinie ich behandelt werden möchte. Im Gesundheits- und Wellnesszentrum der Dünen-Therme wird mir zu aller erst die Wahl geboten: Produkte von Biomaris, Dr. Hauschka oder der französischen Kosmetiklinie Decleor. Und diesmal hat meine Mutter noch nicht für mich entschieden. Hier empfiehlt die Fachfrau, was zu mir und meiner Haut passt. Die Analyse meiner Haut ergibt, dass ich kein echter Problemfall bin, keine Akne, keine unreine Haut, wenig Rötungen. Ich kann mich nach Lust und Laune entscheiden. Weil ich nun endlich an der Nordsee bin, wähle ich die Biomaris Pflege-Linie. Sämtliche Produkte basieren auf wertvollen Wirkstoffen aus dem Meer. Ich werde gesäubert, gepeelt und gecremt. Bekomme eine Ampulle mit extra intensiver Pflege lange und entspannend in die Haut massiert. Ohren, Kopf und Nacken lockert die Kosmetikerin in kreisenden Bewegungen bis ich fast wieder einschlafe.
Dass diese Behandlung über eine Stunde gedauert hat, habe ich nicht gemerkt. Wohl oder übel muss ich mich jetzt umziehen und schlendere etwas wehmütig nach draußen zu meinem Auto. Es steht da, wo ich es geparkt habe und wartet. In Sankt Peter-Ording sind Parkplätze immer vor der Tür, wie mir scheint.
Als ich am Steuer sitze und gerade losfahren will, denke ich an meine Mutter. Ich mache den Motor wieder aus und schnappe mir stattdessen mein Handy. „Hallo Mama. Danke für den Tag. Ich fühle mich großartig. Was hältst Du davon, wenn wir Ostern gemeinsam für ein paar Tage herkommen?“ – Stille. Ich schiebe hinterher: „Ich lade Dich ein!“. Ich höre ihr Lächeln durchs Telefon. „Schätzchen, da kann ich leider nicht. Ostern fahre ich mit Vati nach Amrum. Aber Du kannst ja mit kommen, wenn Du willst.“ Mit Mama und Papa in den Urlaub? Das muss ja wohl nicht sein. Trotzdem frage ich: “Gibt es da auch Thalasso?“ Meine Mutter lacht herzhaft: „Süße, Amrum liegt auch an der Nordsee in Schleswig Holstein – sogar mittendrin!“
Mehr dazu unter www.nordseetourismus.de